Im Internet gibt es eine für jedermann ohne Probleme zugängliche Seite, auf der man die Möglichkeit hat, sich in Bildform mit Eindrücken darüber zu „bereichern”, was es für Folgen auf den menschlichen Körper haben könnte, wenn beispielsweise ein Zug darüber rollt. Zusätzlich sind die dort verfügbaren Aufnahmen mit ironisch-sarkastischen Kommentaren untertitelt, die sich weit jenseits jeglichen schwarzen Humores befinden. Dass ein solches Konzept vehement gegen jede Menschenwürde verstößt, förmlich dagegen ankämpft, bleibt dabei meist außer Betracht. Spaß muss eben sein.
Die Rede ist von rotten dot com, einer kalifornischen Seite, die alles andere als lustige Inhalte darbietet. Wenn man beispielsweise nach Abbildungen grässlich entstellter Todesopfer sucht, so wird man hier schnell fündig. Von Verkehrsunfall über Suizid bis hin zur Exekution dürfte alles dabei sein. Das wohl „berühmteste” Beispiel ist ein schwer verletzter Motorradfahrer, dem bei einem Unfall der Unterkiefer abgetrennt wurde. Zu finden ist das ganze unter dem Stichwort „Motorcycle - Nothing gets between me and my Harley”. Doch wieso sollte jemand nach derartig explizitem Material suchen? Weshalb hat jemand die Idee, so etwas in dieser Weise in die Weltöffentlichkeit zu tragen? Und warum ist eine Internetseite, die sich auf ein solches Thema spezialisiert hat, dann auch noch so gut besucht?
Es gibt sicherlich eine große Fülle von Antworten: Neugier, Sensationsgeilheit, die Suche nach dem Kick, was kann ich mir zumuten? Aber ein Grund, und der ist für mich der widerlichste, ist die Suche nach Spaß.
Nun, zersplitterte Köpfe, abgetrennte Gliedmaßen und Blut en masse sind ganz gewiss nicht der Inbegriff des grenzenlosen Spaßes, doch scheint es, dass ebendieser bei Betrachtung dessen nicht zu knapp geboten wird. In Gruppen stehen Schüler der Klassenstufe 12 beisammen und tauschen sich darüber aus, was sie sich am Vortag wieder für ekelhafte Sachen angeschaut haben und wie angewidert sie gewesen seien. Dann lachen sie. Dass Menschen in diesem Alter anders über ein solches Unterfangen denken sollten steht hier natürlich außer Frage, doch man muss erkennen, dass die Realität eine andere ist. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Der „Boah, ey! - Effekt” tritt ein. Ich selbt wurde vor geraumer Zeit einmal mehr oder weniger unfreiwillig Zeuge dieser schockierenden Erscheinung: Zu sehen waren dabei jedoch nicht „einfach nur” Bilder, sondern originale Amateurfilmaufnahmen, die über Filesharingprogramme, beispielsweise Kazaa, frei erhältlich sind. Einfach den Suchbegriff eingeben und ab die Post. Auf diesem Weg gelangte auch die Person, die mir eine Show darbot, die ich bis heute nicht vergessen soll, an das verstörende Material.
Ich sah, wie eine Gruppe von Menschen von einer Bergspitze per Rettungshubschrauber abtransportiert wird. Das Seil reißt. Sie schlagen auf. Sie schlagen wieder auf. Nochmal. Und wieder. Ich sah die Beendigung einer Geiselnahme, bei der der Entführer, umzingelt von Polizeibeamten, einem Kind, das er auf dem Arm trug, ein Messer an den Hals hielt und drohte, es zu töten. Er wurde durch einen Kopfschuss getötet. Ich sah, wie ein Gesicht durch eine Explosion entstellt wurde. Ich sah ein Bungeeseil reißen. Ich sah einen Sprung aus dem Fenster. Ich sah einen Mann, der bei einer Demonstration umherirrte. Er lief auf die Kamera zu. Dann traf ihn eine Kugel. Ich sah seine Augen. Ich sah zuviel. Viel zu viel, um es verarbeiten zu können.
Und als mein Showmaster dann den nächsten „Clip” vergnügt mit den Worten „Oh, jetzt sterben bestimmt wieder welche” ankündigte, verstand ich die Welt nicht mehr. Ich glaube, ich hatte noch nie in meinem Leben so viel Spaß.
Mit Schrecken musste ich dann später feststellen, dass so etwas bereits den Weg aus dem Internet gefunden hat, direkt ins Wohnzimmer. Zur Prime Time. Ich spreche von TV Total (Pro Sieben). In einer MAZ wurde gezeigt, wie jemand von einem Baum erschlagen wird. Ob das Ganze nun echt oder gefaket war, spielt für mich keine Rolle. Überhaupt konnte man in besagter Sendung vor Jahren sehen, wie ein Kopfsprung von einer Klippe endet, wenn unten kein Wasser ist. Und das Publikum lachte, wenn auch etwas verhalten. Als in jener MAZ dann auch noch ein Einspieler kam, bei dem ein Herr vor irgendeiner landwirtschaftlichen (?) Maschine stand und seinen Kopf sehr nah in deren Richtung streckte, und dazu aus dem Off ein Spruch im „Bauernregeln-Stil” zu hören war, der scheinbar auf nichts Gutes hinauslief, habe ich weggeschalten. Ich weiß nicht, was dann zu sehen war. Doch höchstwahrscheinlich folgte (verhaltenes) Lachen.
Gibt es lustige Todesarten? Die Frage scheint absurd. So absurd, dass man es kaum glauben mag, dass jemand „ja” antworten könnte. Um so etwas überhaupt zu denken, muss es doch gewaltig an Einsicht und Einfühlungsvermögen mangeln. Ich denke auch, dass der Begriff „Realitätsverlust” hier eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Im Grunde müsste sich doch jeder Mensch darüber bewusst sein, dass das, was hinter diesen Bildern und Videos steckt, für die betroffenen Menschen unvorstellbare Ausmaße hat. Nach diesem Bewusstsein sucht man in der Mehrzahl der Fälle vergebens. Der Bezug zur Realität wird nicht aufgebaut, vielmehr ad absurdum geführt. So spielt es keine Rolle, was jemand gedacht haben muss, bevor es zu Ende ging, welches unvorstellbare Leid die Angehörigen ertragen müssen, was Leben eigentlich bedeutet. In diesem Falle wohl nichts mehr. Nur noch ein Lachen und einen makaberen Spruch ist es wert. Das hat niemand verdient. Alles, was bleibt ist ein Bild, in sich abgeschlossen ohne Geschichte ringsherum. Darüber muss man sich doch keine Gedanken machen, oder?
Anmerkung: Ein so langer Text wird deshalb meist nicht kommentiert, weil man befürchtet, dass die eigene Anwort ihm nicht gerecht wird. Das resultiert wiederum daraus, dass die wenigsten Lust haben (mich eingeschlossen), einen langen Kommentar zu verfassen.
In Antwort auf:Das resultiert wiederum daraus, dass die wenigsten Lust haben (mich eingeschlossen), einen langen Kommentar zu verfassen.
Ach komm schon. Prinzipiell erwartet hier niemand lange Kommentare. Ein, zwei Sätze zum Thema sind doch adäquat, um eine potentielle Diskussion aufleben zu lassen?
Ist vielleicht doch schon alles gesagt? Es muss doch aber eigentlich auch Leute geben, die anders über das Thema denken, es nicht so eng sehen. Oder sind wir jetzt Das humanistischte Forum der Welt?
konnte mich nun auch mal durchringen das zu lesen. und muss sagen, hab ne übelste gänsehaut so eklich ist die vorstellung von dem qwas da gezeigt wird. ich find es aber echt auch krank wie lustig die leute so etwas finden. hatte ja in lausick noch die ehre info machen zu müssen und da haben sich die leute in der klasse das echt jede info stunde reingezogen und um so ekelhafter die bilder wurden um so mehr haben sie darüber gelacht. aber da stellt sich mir schonwieder die frage warum sowas denn überhaupt im internet zu sehen ist; ist sowas tatsächlich erlaubt? wie kommen solche kleinen kindern zu solchen seiten und warum können sie darüber lachen? aber es ist ja nicht so dass da rotten das einzige abartige in dier richtung ist. es wird ja sogar noch im tv in verniedlichter art dargestellt. wie kann das erlaubt sein??? ich denk mal es ist bekannt dass ich happy little tree friends von mtv meine. dort fängt ja alles total "locker" an und am ende werden alle beteiligten brutalst hingerichtet (sorry aber anders kann mans ja echt nicht sagen). und die leute lachen drüber.
Also, der Text ist nicht zu lang. Ich finde, das sind sehr interessante Gedanken, die du dir gemacht hast. (Bin erst jetzt auf den Text gestoßen, weil es so unheimlich viele Ecken in diesem Forum gibt)
Ich war vor sehr langer Zeit einmal auf der Seite und ich kenne einige dieser Bilder. Videos habe ich mir nicht angeschaut und ich glaube, ich würde das nicht freiwillig tun. Am schockierendsten fand ich damals ein Bild auf dem ein kleines Kind gezeigt wurde. Es lag nackt da und seine Gedärme quollen hervor. Ich war so angewidert, dass ich an diesem Punkt die Seite verließ. ich weiß nicht, wieviele Bilder ich mir vorher angeschaut habe, alle waren furchtbar, aber dieses eine hat sich mir ins Gedächtnis gebrannt.
Also, ich muss sagen, da mein letzter Besuch auf dieser Seite schon etwa drei bis vier Jahre zurück liegt, habe ich viele Bilder, die sich mir dort darboten vergessen oder verdrängt. Hab aber trotzdem kurz überlegt, ob ich nochmal schaue. Werde es aber nicht tun.
Die Sache ist die, klar kennt man die Opfer nicht. Dies mag ein wichtiger Punkt sein, weshalb in den meisten Fällen keine emotionale Verbindung zu dem Menschen aufgebaut wird. Allerdings musste ich feststellen, dass viele eher mit einem "oh Gott" reagieren. Dann lachen sie. Aber, ich glaube, dieses Lachen ist ein anderes. Soweit ich weiß, ist Lachen eine Reaktion, die dann passiert, wenn etwas Unvorhergesehenes eintritt. So ist es beim Witz oder witzigen Bildchen. Erblickt man in diesem Fall ein rotten-Bild und befindet sich in einer Gruppe, so kann das auch eine Art Reflex oder Schutzreaktion sein. Mir ist es auch schon passiert, dass ich in Situationen lachen musste, obwohl ich nicht wollte. Zwar nicht in Verbindung mit den rotten-Bildern, aber auch in Situationen, in denen nichts schönes passiert ist. Einfach, weil es unvorhergesehen kam. Es gibt ja auch das Verlegenheitslachen als Schutzfunktion.
Das müsste man eigentlich mal erforschen, wie das zusammenhängt. Fakt ist, dass das Verhalten in einer Gruppe immer vom Verhalten des einzelnen abweicht. Und solche Bilder sieht man nicht jeden Tag, deswegen ist der Reiz auch sehr groß auf diese Seite zu gehen. Diese Bilder sind tabu im Fernsehen und in der Öffentlichkeit, genau wie Pornos. Da wo Mangel herrscht, ist die Nachfrage groß.
Und wegen des Spaßes. Na ja, eigenartig, aber was sollen die sonst drunter schreiben? Blutiges Massaker? Mann, dem der Kiefer abgerissen wurde? Aber das ändert nichts an dem Bild. Klar ist das entwürdigend, aber man kennt das manchmal von Behinderten, die machen zum Teil über sich selbst solche Witze. Und dann haben sich ja auch schon Behinderte beschwert, dass man sie ausschließt und in solchen Sendungen, wie TV Total nicht mit einbezieht und keine Witze über sie macht. Hat mich gewundert, aber das war so. Und dann diese Jackass-Sache. Ist auch ekelhaft, aber sowas lief vorher nie im Fernsehen und die Menschen haben einen irren Hunger auf faszinierende, schockierende, außergewöhnliche und vor allem auf neue Bilder. Bilder vom Alltag gibt's nämlich genug.
Dann schaltet auch die Vernunft aus, glaube ich. Aber, wie gesagt, das müsste mal nachgeforscht werden, wie das weiter zusammenhängt, dass man da lachen kann. Ich kann da nicht lachen. Ich sitze dann da, bin zwar irgendwie neugierig, aber verzerre das Gesicht und kann das Bild nicht lange betrachten. Aber Bilder, die irgendwie mit dem Thema Selbsterhaltung zu tun haben, sind immer und ganz natürlich für den Menschen erstmal interessant, ist auch wissenschaftlich begründet. Nur die Reaktion auf diese Bilder ist ja hier eine ganz und gar seltsame. Spaßgesellschaft.
Ich kann Sascha und Isa zum Thema nichts mehr hinzufügen.
Ich finde es für mich selbst nur erschreckend, dass meine Hemmschwelle in puncto Gewalt dank der Medien über die Jahre stark gesunken ist. Da, wo ich früher die kalte Angst verspürt habe, fühle ich jetzt zum Teil keinerlei emotionale Regung mehr. Liegt das nun am fortgeschrittenen Lebensalter?
Mein Vater hat mir mal erzählt, dass er als Kind allein zu Hause war und einen Märchenfilm gesehen hat, in welchem weiße Löwen in eine Festung o.ä. eindringen. Er hat sich damals vor Angst unter einem Tisch versteckt. Kann man mit sowas heute noch Zehnjährige schockieren?
ich find aber jackass kann man nicht mit rotten vergleichen. jackass ist sicher irgendwo eklig und nicht gerade lustig. aber dort zeigt man doch keine menschen im sinne von rotten.
Nein, aber die lachen auch über Dinge, die eigentlich nicht wirklich lustig sind. Es ging ja darum, warum die Leute darüber lachen und sich das anschauen.